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Verlag Christoph Dohr Köln

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Montag, 02.01.2017 9:26

Komponist

Daniel Gottlieb Steibelt

Daniel Gottlieb Steibelt
 

Vita

Steibelt, Daniel, einstens berühmter Klavierspieler und beliebter Komponist, geb. zu Berlin 1764 oder 1765 (nach Anderen schon 1755) [recte: 22. Oktober 1765] als der Sohn eines Klavier-Instrumentenmachers. Schon sehr frühzeitig offenbarte sich bei ihm ein unleugbares Musiktalent, und dieses machte auch den damaligen Kronprinzen, nachherigen König Friedrich Wilhelm II., auf ihn aufmerksam, welcher ihn Kirnbergern zur Ausbildung übergab. Wie lange er unter der Leitung des Genannten blieb und wie überhaupt seine Entwickelungsgeschichte verlaufen, weiß man nicht; genug, die ersten Spuren seines Auftretens der Oeffentlichkeit gegenüber datiren vom Jahre 1788, wo er in München war, und seine ersten Sonaten für Klavier und Violine herausgab. 1789 gab er in Norddeutschland Konzerte, ging dann nach Mannheim und kam zu Anfang des Jahres 1790 nach Paris, wo er in dem Hause des Musikverlegers Boyer äußerst freundlich aufgenommen wurde. Er vergalt diese Freundlichkeit aber nur schlecht, indem er dem Genannten seine schon erwähnten Sonaten (Op. 1 und 2) als neue Werke verkaufte, mit der kleinen Veränderung, daß er durch Hinzufügung einer mageren Violoncellstimme sie zu Trio’s gemacht hatte. Dieser Betrug wurde bald entdeckt und St. mußte als Entschädigung dem Boyer seine beiden ersten Klavierkonzerte geben. Uebrigens kamen derartige Streiche mehrere während S[t]’s Künstlerlaufbahn vor, wie er denn – was wir hier gleich vorausschicken wollen – überhaupt als Mensch nichts weniger als achtungswerth war. Doch wie dem auch sei – er machte durch sein Spiel und seine Kompositionen ungemeines Glück, hatte die brillantest honorirten Lektionen und sah sich in der haute volée fetirt. Zu seinen eifrigsten Protektoren gehörte der Bicomte von Ségur; dieser übergab ihm das von ihm (Ségur) verfaßte Libretto "Roméo et Juliette" zur Komposition; die Oper wurde, nachdem sie 1792 von der großen Oper nicht angenommen worden war, 1793 mit einigen Abänderungen im Théâtre Feydeau gegeben und hatte einen eminenten Erfolg. Dieser brachte St. erst recht in die Mode, und er hatte die schönste Gelegenheit, an der Konsolidirung seines Künstlerruhms und an der Sicherung seines materiellen Wohlstandes zu arbeiten; aber er konnte seine schäbigen Streiche nicht lassen, und es kam endlich so weit, daß 1798 ihm alle anständigen Häuser verschlossen wurden und er sogar Paris verlassen mußte. Nun ging er über Holland nach London, gab daselbst besuchte Konzerte und verheirathete sich mit einer jungen Engländerin; dann besuchte er Hamburg, Berlin, Dresden, Prag, Wien, und kehrte im Herbst 1800 wieder nach Paris zurück. Hierher brachte er die kürzlich erschienene Partitur von Haydns "Schöpfung" mit, und beschloß das Werk zu seinen Nutzen auszubeuten. Er verband sich daher mit dem schon erwähnten Bicomte von Ségur, ließ von diesem eine französische Uebersetzung fertigen, brachte das Werk in der großen Oper zur Aufführung und verkaufte schließlich die Partitur noch an Erard – den Gewinn theilte er natürlich mit Ségur. Die erwähnte Aufführung fand übrigens am 24. Dezember des Jahres 1800 statt, und in dieselbe sich begebend war es, wo Napoleon durch die Höllenmaschine beinahe ums Leben gekommen wäre.

Nach dem Frieden von Amiens (1802) begab sich St. wieder nach London, schrieb jedoch vor seiner Abreise für die große Oper in Paris noch das Ballet "Le Retour de Zéphire". In der englischen Hauptstadt blieb er bis zum Jahre 1805, publizierte viele Kleinigkeiten für Klavier und brachte die Ballette "La belle Laitière" und "Le Jugement de Pâris" in Musik. 1805 wieder in Paris, gab er u. A. seine Klavierschule heraus, verfaßte die Musik zu dem Festspiel "La Fête de Mars", welches zu Anfang des Jahres 1806 bei der Rückkehr Napoleons vom Feldzuge von Austerlitz auf der großen Oper gegeben wurde, und machte sich an die Komposition der Oper "La Princesse de Babylone". Diese sollte eben zur Aufführung kommen, als St. ganz plötzlich – im Oktober 1808 – nach Rußland abreiste. In Petersburg wurde er an Boieldieu’s Stelle Kapellmeister der französischen Oper, und für diese schrieb er "Cendrillon", "Sargines" und arbeitete "Roméo et Juliette" (sein[e] frühere Oper) um; ferner brachte er auch die in Paris komponirte "Princesse de Babylone" zur Aufführung. Gest. ist er zu Petersburg am 20. September 1823, eben als er mit der Komposition der Oper "Le Jugement de Midas" beschäftigt war. – S[t]’s Klavierspiel wurde stets als bravourmäßig (für die damalige Zeit nämlich) in der Technik und elegant im Vortrag gerühmt; doch soll mitunter die Korrektheit zu wünschen übrig gelassen haben. In seinen Kompositionen spricht sich viele und ungezwungen strömende Erfindung aus; musikalische und Empfindungs-Tiefe darf man aber nicht in ihnen suchen. Von diesen Kompositionen sind am zahlreichsten die für Klavier vertreten; es erschienen u. a. davon im Druck: 7 Konzerte, 65 Sonaten für Klavier und Violine, 46 Sonaten für Klavier allein, 2 Quintetten für Klavier- und Streichinstrumente, ein desgleichen Quartett, verschiedene Trio’s, zahllose kleinere Unterhaltungsstücke aller Art, Etuden und Exercicen. Außerdem gab er noch einige Orchesterstücke, Streich-Quartette und Romanzen heraus. [Neues Universal-Lexikon der Tonkunst, hrsg. von Eduard Bernsdorf, 3. Bd., Offenbach: André 1861, S. 635-637.]

 

 


Titel in der Edition Dohr

Coverabbildung Inhalt

Violinsonate A-Dur op. 45

(Sonate pour le Clavecin ou Pianoforte avec Accompagnement d’un Violon)

hrsg. von Christoph Dohr

Partitur und Stimme

M-2020-1194-2
EURO 32,80


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